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Vorwort zur zweiten Auflage
Warum eine zweite Auflage?
Am 25.September 2009 jährt sich die Einweihung des Gedenkplatzes für nicht beerdigte Kinder auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf zum zehnten Mal. Aus diesem Anlass wird es im Lotsenhaus von Hamburg Leuchtfeuer eine Ausstellung mit Photos und Texten geben, die mit Vortrag und Gespräch in musikalischem Rahmen eröffnet wird. Peggy Steinhauser, Mitarbeiterin dieses Beratungs- und Bestattungshauses, hatte mich um ein Exemplar meines Buches „Ich trage Dich in meinem Herzen“ gebeten. Aus der Information, es sei bereits vergriffen, entstand die Idee einer gemeinsamen Veranstaltung und einer kleinen Neuauflage des Buches. Darüber hinaus hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Anfragen für das Buch gegeben.
Ein Beweggrund für dieses Buch war damals die Einrichtung des Gedenkplatzes für die ganz Kleinen in einer Zeit, da sich der Umgang mit Fehl- und Totgeburt in den Kliniken noch in „zu engen Kinderschuhen“ befand. Bestattungsgesetze der einzelnen Bundesländer Deutschlands schrieben vielfach eine „hygienisch einwandfreie Beseitigung“ vor.
Ich habe 1999 noch nicht geahnt, wie groß die Resonanz sein würde auf meinen Wunsch nach einem menschenwürdigen Abschied, nach Bestattung und Grabplatz auch für die Kinder, deren kurze Lebenszeit ganz und gar im Bauch der Mutter stattgefunden hatte. Der durch mich initiierte „Ort, an den ich meine Trauer trage“ ist Gedenkstätte für viele Frauen und Männer geworden, deren Verlust lange zurückliegt. Das sehe ich deutlich immer wieder an abgelegten kleinen, liebevoll bemalten und beschrifteten Steinen mit Datum. Er ist aber auch ein Platz, den Menschen aufsuchen, deren Kind kürzlich verstorben und in einer Sammeleinäscherung bestattet ist.
Es sind mittlerweile vielerorts Grabfelder und Gedenkstätten entstanden. Insgesamt war die Zeit sicher auch reif für ein Umdenken. Liest man heute in den Bestattungsgesetzen nach, so ist in vielen Bundesländern, doch leider noch nicht in allen, der Gedanke an eine Bestattung angekommen. Ähnliches gilt für die angrenzenden Länder Österreich und die Schweiz.
Der Platz in Ohlsdorf ist weiterhin gut besucht, Spielzeug, Lichter, Blumen und Steine werden am Sockel der Marmorsäule abgelegt, manchmal auch Briefe. Das individuelle Eingraben von Blumen kann und will ich nicht verhindern, auch wenn es so nicht gedacht war. Ich begreife es als Ritual: Nachträglich muss etwas in die Erde gelegt werden können. Auf der gegenüberliegenden Wiese, die uns bei der jährlichen Gedenkfeier als Imbiss- und Begegnungsort dient, habe ich im Frühjahr 2008 einen Gingko gepflanzt. Dieser Baum, den schon Goethe beschrieben hat, gilt und galt als Symbol des Lebens. Er hat als einzige Pflanze Hiroshima und Nagasaki überlebt. Mit seiner geschwungenen Hauptachse und einigen langen Zweigen, entstanden durch zehn Jahre Entfaltung auf meinem schmalen Balkon, wirkt er wie ein Tänzer des Lebens. Und das soll er auch sein: Ausdruck einer Aufforderung, unsere Toten zu ehren, aber selbst auch weiterzuleben!
Ich selbst habe in den vergangenen Jahren diesen Platz immer wieder mit Dankbarkeit besucht: dankbar dafür, dass ich trotz des Verlustes meiner beiden ganz Kleinen die Kraft zur Gestaltung hatte. Dankbar, dass Menschen meine Trauer sehen, teilen, diesen Ort aufsuchen. Dankbar auch, dass immer wieder Menschen ein wenig ordnend tätig werden, wenn ich einige Wochen nicht da sein konnte – wenn auch der Ordnungsbegriff unterschiedlich verstanden wird. Für mich ist die bunte, manchmal chaotische Vielfalt am Sockel Ausdruck der vielfältigen Trauer der Besucher. Trost und Transzendenz findet sich erst, wenn wir den Blick erheben können, vom Boden auf die Skulptur. Da ist die Botschaft: „Ich trage Dich in meinem Herzen.“
Und wenn wir den Blick noch weiter heben, Richtung Himmel, wo wir die Seelen unserer Verstorbenen außerhalb von uns wähnen, dann ist da, jedenfalls für mich, die Nähe zu Gott, die Hand, die mich in jedem Fallen hält.
Der Verlust meiner beiden Kinder, meine nicht gelebte Mutterschaft, und zwei schwere Krankheiten haben mich zu dieser Sichtweise des Lebens gebracht. „Eine Mutter, die ihr Kind verliert, erschrickt nicht mehr.“ Das hat einmal jemand so formuliert. Dieser Gedanke klang in der ersten Zeit nach der akuten Situation zunächst stimmig, war und ist aber auf lange Sicht für mich nicht haltbar. Der Wunsch, nie wieder so verletzt und erschüttert zu werden, ist nachvollziehbar und nur allzu menschlich. Aber, wollen wir wirklich unverwundbar sein und uns gegen die Intensität unserer Gefühle wappnen? Wir alle erfahren in unserem Leben Einbrüche, die unsere Pläne durchkreuzen, die Weichen neu stellen und auch die „Warum“ -Frage mit sich bringen. Existentielle Erlebnisse an der Schwelle des Todes fordern uns besonders dringlich auf, das eigene Weltbild zu prüfen. Was trägt uns, jeden einzelnen auf seine Weise, angesichts der Gewissheit unserer Sterblichkeit und der unserer Liebsten?
Hamburg, im Juli 2009
 
Vorwort
Anfangskapitel
Ein Gedicht