blind
 
 
 
 
 
 
 
Anfangskapitel
Die Geschichte einer Skulptur
Tod
„Das passiert jeder zweiten Frau. Jetzt müssen Sie ganz schnell wieder schwanger werden!“
Diese Worte gab mir der Arzt nach meiner Fehlgeburt vor fast sechs Jahren mit auf den Weg. Nicht getröstet, aber im Bewußtsein eines „alltäglichen“ Schicksals innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen, gelang es mir recht schnell, meine Trauer „alltagstauglich“ zu gestalten. Erst der Tod einer befreundeten älteren Frau kurze Zeit später brachte meinen Tränenfluß zum Entspringen – so, als hätte ich mir Gefühle erst bei diesem „sichtbaren“ Lebensende gestattet.
Meine zweite Schwangerschaft endete Ostern 1997 nach zahlreichen Untersuchungen und mehreren Klinikaufenthalten mit der sogenannten stillen Geburt meiner Tochter Sunna Maria in der 26. Schwangerschaftswoche. Wir – mein Lebensgefährte und ich – entschieden uns gegen eine Bestattung, die nach der damaligen Rechtslage erst ab einem Körpergewicht 1000g obligatorisch gewesen wäre, und glaubten, unserem Kind auch ohne Friedhofsplatz nahe sein zu können. Den Worten des betreuenden Gynäkologen „Ihr Kind wird pietätvoll behandelt,“ vertraute ich damals und auch heute noch – trotz der bewegenden Medienberichte über „Verbleib und Entsorgung von Totgeburten“ in den letzten Jahren!
Erst Monate später merkte ich, wie hilfreich ein Ritual des In-die-Erde-Legens gewesen wäre, um den Abschied als endgültig zu begreifen.
Zeit haben, um neben dem Schock wieder denken und fühlen zu können, das fehlte. Wir hatten die Frist einer Nacht bekommen, um unsere Entscheidung zu treffen... Auch eine begleitende Bemerkung „Wir akzeptieren Ihren Entschluß, es kann aber passieren, daß sie diesen später ändern wollen,“ hätte unterstützende Wirkung gehabt. Dann wäre die vorschnelle Zustimmung zu einer Obduktion unserer Tochter mit Sicherheit nicht gefallen.
 
Auf der Suche
Auf Empfehlung des Arztes hatte ich nach einigen Wochen die Selbsthilfegruppe der „Verwaisten Eltern“ aufgesucht – eine seit 1984 existierende Organisation, die „im schützenden Raum kleiner Gruppen einfühlsames Zuhören und die Erlaubnis zum Ausdrücken der Gefühle“ anbietet (Zitat aus dem Prospekt). Hier fand ich Menschen, die Tränen tragen konnten und mein Erzählbedürfnis nicht durch fehlendes Nachfragen abblockten. Mich beeindruckte die Solidarität untereinander und die stete Unterstützung. Dieses Netz der Verbundenheit ist besonders in den ersten Monaten eine wertvolle Erfahrung gewesen, denn auch der eigene Freundeskreis sortiert sich häufig neu angesichts einer Lebenskrise.
 
Vorwort
Anfangskapitel
Ein Gedicht